"Nehmen wir an, daß in einer nebligen Nacht zwei Männer, die zu einer Verbrecherbande gehören, den Zugführer und den Lokführer eines Zuges erschießen. Der Zugführer befindet sich am Ende des Zuges; die Gangster stehen an der Strecke und erschießen ihre Opfer aus nächster Nähe. Ein alter Herr, der sich genau in der Mitte des Zuges befindet, hört die beiden Schüsse gleichzeitig. Man würde daher sagen, die beiden Schüsse seien gleichzeitig abgegeben worden. Ein Stationsvorsteher jedoch, der sich genau in der Mitte zwischen den beiden Gangstern befindet, hört zuerst den Schuß, der den Zugführer tötet. Ein Onkel des Zugführers und des Lokführers (die beide Vettern sind), ein australischer Millionär, hat sein gesamtes Vermögen dem Zugführer hinterlassen oder aber dem Lokführer, falls dieser zuerst sterben sollte. Bei der Frage, welcher der beiden zuerst gestorben ist, geht es um riesige Summen. Der Fall kommt vor das Oberhaus, und die Anwälte beider Parteien, die alle in Oxford studiert haben, sind sich einig, daß sich entweder der alte Herr oder der Stationsvorsteher geirrt haben muss. Tatsächlich können aber sehr wohl beide recht haben. Der Zug entfernt sich von dem Schuß auf den Zugführer und fährt dem Schuß auf den Lokführer entgegen; deshalb muß der Knall des ersten Schusses eine größere Strecke bis zu dem alten Herrn zurücklegen als der Knall des zweiten. Wenn also der alte Herr recht hat mit seiner Behauptung, er habe die beiden Schüsse gleichzeitig gehört, muß auch der Stationsvorsteher recht haben, wenn er sagt, dass er den Schuß auf den Zugführer zuerst gehört hat."

(Bertrand Russell, Das ABC der Relativitätstheorie)

Es gibt nicht nur ein stabiles raumzeitliches Bezugssystem -
- es gibt unzählige. Jedes kann objektiv gesehen Anspruch auf eine korrekte Zeitmessung erheben, aber die Daten sind nur für jeweils ein einziges System gültig.

Das ist nicht unbedingt der Stoff, aus dem Krimis gemacht werden, aber ein Ausgangspunkt, um Krimis ganz anders zu sehen.

Der Doppelmord an einem Lok- und einem Zugführer wird aus mehreren Blickwinkeln gezeigt: aus der Sicht des Stationsvorstehers am Bahnsteig, aus der Sicht des alten Mannes im fahrenden Zug - und aus einer Sicht, die Zeit und Raum vertauscht aufnimmt.

Inspiriert von Russells Gleichnis verdichtet "tx-transform" die inhaltliche und technische Übereinstimmung von relativitätstheoretischer Sicht und tx-transformation zu einem Film. Die erzählerische Qualität des Textes setzt sich in den Bildern fort, deren Ästhetik durch eine völlig ungewohnte Bewegung durch Zeit und Raum erwächst: ein Mensch, von einem Schuss getroffen, fällt seiner Auslöschung entgegen; ein Zug durchfährt nicht nur die Nacht, sondern verschiedene Zustände. Ein kurzer filmischer Alptraum über Eisenbahnen, Raum und Zeit.

"Durch die Eisenbahn wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig."

(Heinrich Heine, Lutetia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben)